Die Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn (LDU),
für welche die Stadt Gerlingen seit 1969 die Patenschaft innehat, feierte dieses Jahr den 69. Bundesschwabenball. Zwei Ereignisse jährten sich. Einerseits konnte der 50. Schwabenball in Gerlingen gefeiert werden. Vor 80 Jahren begann außerdem die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn. Mit Bezug zum zweiten Ereignis war Frau Dr. Katalin Szili der diesjährige Ehrengast. Sie sprach im Jahr 2007 im Zuge einer Gedenkkonferenz sechzig Jahre nach der Vertreibung in ihrer damaligen Funktion als Präsidentin des ungarischen Parlaments eine offizielle Entschuldigung für die Entrechtung und Vertreibung der Deutschen aus Ungarn aus. Wie bereits Bürgermeister Dirk Oestringer in seiner Begrüßung unterstrich auch sie in ihrer Ansprache die Bedeutung von regelmäßigem engem Austausch, Verständigung und Frieden.
Oft wird vernachlässigt, dass der Bundesschwabenball nicht nur eine Veranstaltung mit Reden, kulturellen Vorführungen und schwungvoller Musik ist, sondern auch eine Trachtenschau. Zu Beginn des Balls zogen auch dieses Jahr wieder die unterschiedlichen Gruppen in ihren Trachten und mit Fahnen ein. Auf der Bühne wurden die einzelnen Trachten dann jeweils von Alfred Freistätter, dem langjährigen Moderator des Balls, sachkundig vorgestellt.
Manch einem mag das Tragen dieser Trachten altmodisch und verstaubt vorkommen. Anders als zum Beispiel in Niederbayern sind wir das Tragen von Tracht im Alltag nicht mehr gewohnt.
Das Wörterbuch der deutschen Sprache definiert Tracht als Kleidung „einer bestimmten Zeit“, „die an Landschaften oder Berufsgruppen gebunden und kaum der Mode unterworfen ist.“ Eine breitere Einordnung findet sich bei dem Trachtenforscher Rudolf Hartmann: „Die gemeinsame Tracht eines Dorfes bezeichnete ein Zusammengehörigkeitsbewusstsein, war sichtbarer Ausdruck einer Gemeinschaft. Allgemein war sie sogar im Begriff, ein Symbol für das Bekenntnis zur Volkszugehörigkeit zu werden.“
Mitglieder der Trachtengruppe der Banater Schwaben aus Sanktanna mit ihrer Fahne. Den Hut des Mannes rechts krönt ein Blumenkranz aus Seidenpapierblumen, der nur ein Mal im Jahr zur Kirchweih getragen wurde.Diese Perspektive gilt auch für die Trachten, die auf dem Schwabenball vorgestellt wurden. Sie zeigen deutliche Unterschiede je nach Dorf und Region, aus der sie ursprünglich kommen. So trugen die Frauen aus Budaörs zum Beispiel leuchtend blaue Strümpfe. Aber auch Trachten für unterschiedliche Anlässe wie zum Beispiel den Kirchgang oder Hochzeiten sowie normale Alltagstrachten wurden vorgestellt. Wollte man auf alle Trachten im Detail eingehen, wäre das eine tagesfüllende Angelegenheit. An den Trachten der Frauen deutlich zu sehen und hervorzuheben ist dabei, mit welch großer Kunstfertigkeit diese Kleidungsstücke hergestellt sind. Besonders die Trachten für die besonderen Anlässe (manchem bis heute als „Sonntagshäs“ bekannt) sind aus hochwertigen Stoffen gefertigt. Die Leibchen sind bis ins Kleinste mit feiner Stickerei verziert. Allein die Herstellung sowie das Bügeln der plissierten Röcke ist eine Kunst für sich. Diese Kleidung ist das genaue Gegenteil von „fast fashion“-Mode, wie sie heute überall in großen Mengen manchmal regelrecht verramscht und deshalb leider sehr schnell zu Müll wird. Mit der Geschichte der Trachten vor Augen, die oft mit ihren ehemaligen Besitzerinnen und Besitzern im Zuge der Vertreibung mitgebracht und seither wohl gehütet wurden, wird der Stolz verständlich, mit dem die Kleidungsstücke bei der Trachtenschau getragen und gezeigt werden. Wenn Sie sich genauer für die Trachten der Ungarndeutschen interessieren, finden Sie im Gerlinger Stadtmuseum einige Beispiele ausgestellt. Dabei wäre es spannend zu erfahren, ob und welche Trachten früher in Gerlingen von den Ungarndeutschen getragen wurden.
Vielen Dank an dieser Stelle der LDU und der Stadt Gerlingen für die Organisation und die Durchführung des 69. Bundesschwabenballs. Es war wieder ein gelungener Abend.
Angela Neuburger-Schäfer