Um den Tag der Deutschen Einheit erlebbar zu machen, haben wir uns auf den Weg zum Deutsch-Deutschen Museum in Mödlareuth/Gefell gemacht und unsere Partnerstadt besucht.
Eine Idee, die anlässlich des Treffens mit der damaligen Landtagspräsidentin Muhterem Aras im Gerlinger Rathaus entstanden war und die zu einer beeindruckenden Reise wurde.
Reisebus am 3.10. vor dem Rathaus GerlingenMit 26 Reisenden sind wir am 3. Oktober morgens um 7 Uhr am Gerlinger Rathausplatz mit einem Reisebus in Richtung Osten aufgebrochen. Einige von uns kannten Gefell bereits. Andere sind in der DDR aufgewachsen oder die Eltern waren beim Mauerbau in den Westen geflohen. Für einige war es die erste Reise in die „ehemaligen DDR“. Bei Brezeln, Sekt und Pop-Klassikern aus der Wendezeit ging es komfortabel über Bamberg nach Mödlareuth.
Pünktlich zur Mittagszeit kamen wir – kurz vor Ministerpräsident Söder – auf dem großzügigen Gelände des Museumsprojekts Mödlareuth an. Empfangen und begrüßt wurden wir vom Gefeller Bürgermeister Marcel Zapf und als Auftakt zum Mittagessen eingeladen: Natürlich Thüringer und Fränkische Bratwürste und für Vegetarier Pommes rot-weiß.
Reisegruppe mit Bürgermeister Zapf bei der Führung entlang der Mauer in MödlareuthBürgermeister Zapf ließ es sich nicht nehmen, den beeindruckenden ersten Teil der Führung durch die früheren Sperranlagen der DDR-Grenztruppen selbst zu übernehmen. Mödlareuth war ein Dorf, das nach dem zweiten Weltkrieg entlang eines Baches in seiner Ortsmitte durch Grenzanlagen und später eine Mauer geteilt wurde. Eine Zeitzeugin des Projekts „Grenzerfahrungen“ berichtete uns sehr emotional von ihrer Kindheit im geteilten Dorf und der Trennung von Familienangehörigen im Westteil des Dorfes. Sie berichtete über Repressalien und die ständige Überwachung im Grenzgebiet. Die früheren Freunde und Verwandte auf der anderen Seite des Baches im Westen konnte man nicht mehr sehen. Winken oder Rufen war streng untersagt.
Eine beeindruckende Filmvorführung über die Geschichte des geteilten Dorfes, auch „Klein-Berlin“ genannt, sowie eine Führung durch das neue sehr anschaulich gestaltete Museum folgten. Zum Abschluss wurden wir nochmals durch die Sperranlagen geführt, entlang an Wachtürmen, Zäunen und der Mauer. Uns wurden Selbstschussanlagen gezeigt und Fluchtgeschichten erzählt. Während des Besuchs begleitete uns auch Hannes Neupert vom Kreisverband Bündnis 90/Die Grünen Saale-Orla, mit dem wir seit einigen Jahren einen guten Austausch pflegen.
Nachdem wir uns bei Bürgermeister Zapf mit einem Geschenk aus dem Gerlinger Weltladen bedankt hatten, wurden wir in die nahegelegene Partnerstadt Gefell chauffiert – direkt vor das schöne Rathaus, das nach der Wende mit Hilfe von Handwerkern und Baumaterialien aus Gerlingen renoviert worden war. In Gefell wurden wir ebenso herzlich begrüßt, diesmal von Mark Militzer, dem 1. Beigeordneten, der uns im Ratssaal der Stadt mit Sekt und Orangensaft willkommen hieß. Er berichtete über die Partnerschaft zwischen Gerlingen und Gefell. Die Überraschung der Reise war die Eröffnung, dass man sich über die neue Beschilderung an den Ortseingängen Gerlingens („Partnerstadt Gefell“) so sehr gefreut habe, dass der Stadtrat auf Vorschlag des Bürgermeisters umgehend beschlossen habe eine wichtige Straße in Gefell in „Gerlinger Straße“ umzubenennen. Der Applaus der Gruppe war Gefell sicher.
Mit einer Stadtrundfahrt zum von Gefeller Bürgern ehrenamtlich renovierten und betriebenen Freibad sowie den Stadtpark und durch die künftige Gerlinger Straße vorbei an Sport- und Schuleinrichtungen sowie der Feuerwehr verabschiedeten wir Mark Militzer herzlich und reisten weiter in die Landeshauptstadt Thüringens.
Unser Mitreisender Frank Halama führte bereits auf der Weiterreise in die Geschichte von Erfurt ein und begleitete die Gruppe nach dem Check-in ins Hotel, durch die Altstadt von Erfurt mit ihren Sehenswürdigkeiten. Die Krämerbrücke und der Dom sind nur zwei von vielen Highlights der Landeshaupt- und Universitätsstadt Erfurt. Ein Teil der Gruppe traf sich währenddessen im Grünen Haus von Bündnis 90/Die Grünen mit Vincent Kolipost, dem Erfurter Kreissprecher und Mitglied des Thüringer Landesvorstands. Der Austausch über Politik in Ost und West konnte so weitergeführt und vertieft werden.
Mitreisende und Vincent Kolipost im Grünen Haus ErfurtZum Ausklang dieses Tages der Deutschen Einheit hatten wir im urigen Thüringer Wirtshaus Christoffel zwei lange Tische reserviert und genossen die deftige Thüringer Küche und frisch gezapftes Bier mit unseren Gästen Vincent Kolipost und dem Ministerialrat Dr. Carl-Christian Dressel. Gut gespeist spazierten wir durch die nächtliche Stadt zu letzten guten Gesprächen in der Hotelbar.
Pünktlich um 9.30 Uhr starteten wir am 4.10. Richtung Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, einem Geschichtsmuseum in Erfurt, das europäische Diktaturen und die SED-Diktatur erforscht. In diesem früheren Stasi-Gefängnis im Zentrum Erfurts konnten wir Georg Maier, den Innenminister von Thüringen (SPD) begrüßen, der sich gemeinsam mit Ministerialrat Dressel (ebenfalls SPD) am Sonntagvormittag Zeit für die Gruppe aus Gerlingen genommen hatte. Eine Stunde lang konnten wir unsere Fragen zur politischen Situation, dem starken Rechtsextremismus in Thüringen und Deutschland sowie den Umgang mit der AfD mit dem Innenminister diskutieren. Keine Frage blieb unbeantwortet. Keine politischen Floskeln. Ein Diskurs auf Augenhöhe. Selten haben wir eine so intensive, offene und klare Diskussion erlebt.
Reisegruppe mit Innenminister Georg Maier und Ministerialdirektor Dr. Carl-Christian Dressel in ErfurtInnenminister Maier dankte uns zum Abschluss für den Besuch – nur wer Menschen besuche und Geschichte kenne, könne sich ein gutes Urteil bilden. Zudem ermutigte er die Mitgereisten gerade in der Kommunalpolitik aktiv und engagiert zu bleiben, weil Demokratie dort am besten erlebbar würde. Mit tiefen Einblicken und großer Motivation verabschiedeten wir Georg Maier nach dem obligatorischen Gruppenbild und mit einer Weltladen-Tüte aus Gerlingen.
Reisegruppe im Museum Andreasstraße in ErfurtWährend dieser mit dem Fahrrad zurück zu seiner Familie fuhr, konnte die Reisegruppe eine hervorragende Führung zum Stasi-Gefängnis, Haft- und Verhörmethoden, Folter und Leid erleben. Das Geschichtsmuseum vermittelt dramatische Zustände leicht verständlich. Zum Abschluss wurden wir durch Räume zur Friedlichen Revolution 1989 geführt, um die beeindruckende Leistung der Bürgerinnen und Bürger Erfurts in der Wendephase zu verstehen. Mit vielen Eindrücken und der Kraft der Revolution ging es weiter über den sonnigen Domplatz in Richtung des Mittagessens. Im vermutlich besten Koreanischen Restaurant der Stadt, das „Wollkim“ des ehemaligen deutschen Biathleten und Europameisters Jörn Wollschläger, wurden Eindrücke und Erfahrungen des Tages ausgetauscht und eifrig diskutiert.
Anschließend gingen wir über den Domplatz zum Reisebus, der uns zügig und sicher durch den Thüringer Wald und Würzburg zurück nach Gerlingen brachte. Zeit, um neue Bekanntschaften und Freundschaften zu vertiefen und die Reise-Erlebnisse nochmals Revue passieren zu lassen.
Wir bedanken uns ganz ausdrücklich bei der Stadt Gefell, namentlich Marcel Zapf und Mark Militzer, bei Innenminister Georg Maier und Ministerialrat Dressel, bei den Museumsmitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Mödlareuth und der Andreasstraße sowie bei den Grünen Hannes Neupert sowie Vincent Kolipost. Wir danken auch der Stadt Gerlingen für die Unterstützung bei Organisation und Durchführung, vor allem Frau Frohnmaier aus dem Haupt- und Kulturamt.
Zusammenfassend nehmen wir schöne Reiseerlebnisse und einen tiefen Eindruck vom Wert von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit mit nach Gerlingen. Wir nehmen wertvolle Begegnungen, guten Gespräche und Erfahrungen und Perspektiven aus anderen Regionen Deutschlands mit. All dies wird uns nicht nur in Erinnerung bleiben, es bereichert auch unseren Blick auf Deutschland und unsere weitere Arbeit.
Frank Straile