War denn alles ganz anders?
Die Urlaubszeit ist auch oft die Zeit, endlich einmal den „wollte ich schon immer lesen“-Stapel anzugehen. Auf meinem Stapel lag seit Anfang des Jahres die Abschrift der Gemeinderatsprotokolle aus dem Jahr 1926.
Auch wenn Gerlingen damals mit circa 2.300 Einwohnern deutlich kleiner war als heute, umfasste der Gemeinderat stolze 16 Mitglieder. Im Gegensatz zu heute gab es in diesem Gremium eine Art rollierendes System. Die Amtszeiten dauerten sechs Jahre, jedoch wurde alle drei Jahre die Hälfte des Gremiums neu gewählt. Die Sitzungen fanden in der Regel wöchentlich statt – die letzte protokollierte Sitzung sogar erst am 25. Dezember 1926, was heute undenkbar wäre. Anders als heute bestand der Rat aus fünf Gruppierungen. Und auch die Geschlechterverteilung war anders als heute: Frauen fehlten im Gremium gänzlich. Wenig divers waren auch die Vornamen der Gemeinderäte: fünf Mitglieder hießen Gottlieb, drei Gottlob und zwei weitere Gottfried.
Ein veritabler Pfauenziegen-ZuchtbockBei der Lektüre der Protokolle wird sehr schnell deutlich, dass Gerlingen zu dieser Zeit noch stark landwirtschaftlich geprägt war. So waren fünf Räte Mitglieder in der „Farren-, Eber- und Bockschaukommission“. Für diese Aufgabe waren andere Kenntnisse gefragt als heute: Wer von uns kann schließlich noch die Qualitäten eines Zuchtstiers, also eines Farren, einschätzen? In der Sitzung vom 13. Juli wurde darüber diskutiert, ob für die 219 sprungfähigen Gerlinger Ziegen drei Ziegenböcke ausreichend seien, oder ob noch ein vierter angeschafft werden müsse. Da es erhebliche Abweichungen vom Sprungregister gab, wurde am Ende der Diskussion entschieden, dass durch die Gemeindebeamten zuerst die genaue Anzahl der sprungbereiten Ziegen festgestellt werden müsse.
Viele der besprochenen Themen sind allerdings auch heute noch aktuell. So herrschte bereits damals eine Wohnungsnot, der mit der Unterstützung von Baumaßnahmen begegnet wird. Daneben ermöglichte das Wohnungsmangelgesetz, dass der Gemeinde frei werdender Wohnraum gemeldet werden musste und nötigenfalls Beschlagnahmungen durchgeführt werden konnten. Der hohen Arbeitslosigkeit begegnete die Gemeinde mit der Organisation von „Notstandsarbeiten“. So wurden mehrere Straßen wie zum Beispiel die Mahdentalstraße gebaut. Im Rat wurde auch über Wirtschaftsbeihilfen für Erwerbslose wie die Beschaffung von Brennmaterial diskutiert.
Auch das dominierende Thema der zweiten Jahreshälfte war ein nach wie vor sehr aktuelles: Es ging um den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, konkret der Straßenbahnlinie von Feuerbach nach Gerlingen. Die gewünschte Streckenführung wurde diskutiert und der dafür nötige Grunderwerb finanziert. Mit dem Bau der Straßenbahn legte der Gemeinderat 1926 einen wichtigen Grundstein für die zukünftige Entwicklung von Gerlingen. Und es ist dem Gremium hoch anzurechnen, dieses Thema so zielstrebig angegangen zu sein, auch vor dem Hintergrund, dass der damalige Schultheiß krankheitsbedingt lange ausgefallen war und disziplinarisch belangt werden sollte.
An dieser Stelle könnte ich noch viele Punkte nennen, worüber der Gemeinderat damals diskutierte und welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es zu unserer heutigen Arbeit gibt. Damals wie heute gilt, dass über vieles wichtige und manchmal vielleicht auch nicht ganz so wichtige oft kontrovers diskutiert wurde. Am Ende kamen und kommen Kompromisse zustande und es wird nach vorn geschaut, wodurch sich eine funktionierende Demokratie auszeichnet.
Mein Dank gilt dem Stadtarchiv und besonders Herrn Benno Kny für die Transkription der Protokolle! Ich bin schon gespannt auf die Protokolle des Jahres 1927, in denen vielleicht verraten wird, wie es mit dem Disziplinarverfahren gegen den Schultheiß weiter ging und ob Gerlingen einen vierten Zuchtziegenbock bekommen hat.
Angela Neuburger-Schäfer